Artemis
oder: wie frau ihren Mann steht
Artemis ist wohl neben Athene die am Meisten androgyne Göttin. Sie hat sehr viele Züge, die wir normalerweise (was ist schon normal?) dem Männlichen zuordnen. Sie ist damit sozusagen die „Gender-Beauftragte“ unter den weiblichen Göttinnen und wir finden sie überall da, wo Frauen um ihre Rechte und ihre Gleichberechtigung kämpfen und sich selbstständig machen. Sie ist auch eine Art weiblicher „Peter Pan“ ewig jung, eine Göttin des zunehmenden Mondes. Sie badet mit ihren Nymphen und hat’s ein wenig mit den Männern diese Geschichte kommt gleich.
Sie ist eine Göttin der Jagd und Beschützerin der wilden Tiere die abgeschwächte Form von ihr findet man in der römischen Diana. Darüber hinaus ist sie eine Göttin der Fruchtbarkeit, der ewigen und unbefleckten Jungfräulichkeit, Beschützerin des ungeborenen Lebens,. Diesen scheinbaren Widerspruch kennen wir doch noch von woanders her? Maria ist ein Aspekt von ihr. Sie ist die Zwillingsschwester des Sonnengottes Apollo, in dessen Tempel das Orakel von Delphi weissagte. Artemis wurde in ihrem Tempel zu Ephesos als „hundertbrüstige Artemis“ verehrt. Das erzählt viel von ihrer unendlichen Kreativität und der Fähigkeit, andere zu nähren.
Das Symbol, welches ihre Androgynität am Besten ausdrückt, ist ihr Pfeil und Bogen. Denn was bedeutet das? Wenn wir genau hinsehen, erkennen wir, dass der Bogen eine Art Mondsichel darstellt und dem zunehmenden Mond entspricht also dem Weiblichen und der Pfeil ihre Fähigkeit, aktiv zu werden, für ein Ziel zu kämpfen eine Art Phallussymbol. Zu ihren Füßen liegen und stehen wilde Tiere keine sanften Schoßhündchen. Die wilden Tiere können wir als Symbol für die instinktiven, unberechenbaren Triebe sehen, aber auch für die Fähigkeit, zu fliehen oder anzugreifen. Eine ganz kämpferische Göttin also.

Noch heute gibt es in Südtirol - und wer weiß, wo noch? den alten Diana-Kult. Das sind Coven, mehr oder weniger geheime Hexenzirkel, die sich treffen und die alten Rituale zu Ehren der Artemis feiern.
Sie mag Nymphen. Darüber gibt es eine Geschichte.
Auf einer Lichtung in einem tiefen Wald gab es eine sprudelnde Quelle mit einem kleinen Teich. Dort badete Artemis oft mit ihren Nymphen. Ein schöner Anblick! Wer hätte ihnen nicht gerne dabei zugeschaut?
Und so geschah es, dass ein ganz verwegener Königssohn auf die Jagd mit seinen Hunden ging. Genau in diesen Wald. Im Sommer. Natürlich ahnte er nicht, was ihm da gleich für ein Schauspiel geboten würde. Er war mit seiner Jagd beschäftigt und durchstreifte das Dickicht auf der Suche nach dem verendenden Hirsch, auf den er vorher geschossen hatte. Das Dickicht lichtete sich und da waren sie lachend, übermütig und allesamt sehr schön. Still, hinter einem Busch versteckt, beobachtete er das lustige Treiben, ohne seinerseits bemerkt zu werden.

Artemis ist eine Göttin und so bemerkte sie ihn doch. Sie hielt inne und sah ihm wie mit einem dunklen Laserstrahl geradewegs in die Augen. Er krümmte sich vor Schmerzen, seine Gliedmaßen veränderten sich, ein Fell wuchs ihm und ein Geweih bohrte sich durch seinen Schädel. Artemis verwandelte ihn in einen Hirsch.
Nicht genug! Denn da gab es noch des Königssohnes Jagdhunde. Sie witterten schnell die Fährte des umherirrenden Hirsches. Als sie ihn entdeckten, fielen seine eigenen Hunde über ihn her und zerrissen ihn in Stücke, die sie unter sich aufteilten.
Wie sag ich immer: „Mit der ist nicht gut Kirschen essen“
Aber was wäre, wenn es Artemis nicht in uns gäbe? Was wäre, wenn sie uns nicht verteidigen und für uns kämpfen würde? Wir Frauen hätten wohl immer noch kein Wahlrecht, würden immer noch einen geringen Prozentsatz dessen verdienen, was ein Mann ganz selbstverständlich verdient. Oftmals belächeln wir heute Frauen wie Alice Schwarzer oder die Zeitschrift Emma. Ich finde, wir sollten das nicht tun, auch wenn ich - für meinen Teil - heute ein anderes Verständnis von Emanzipation habe. Könnte ich heute so freimütig über diese Themen schreiben, wenn es die Frauenbewegung in dieser kämpferischen Form nicht gegeben hätte? Könnten Frauen frei entscheiden und ihren beruflichen Weg gehen? Wenn Frauen wie z.B. Simone de Beauvoir oder eben Alice Schwarzer nicht den Weg für uns frei gekämpft hätten?
Ok, ok, ich finde auch - wir müssen die Männer ja nicht gleich in Hirsche verwandeln…
Und noch was: wir müssen die Männer auch nicht so lange an die Wand werfen, bis sie Frösche sind. das ist die Kehrseite der Medaille, wenn Artemis in uns falsch interpretiert wird. Denn ich glaube, Artemis mag Etwas sehr gerne: Augenhöhe und Sportsgeist. Sie verlangt um jeden Preis Respekt und den zollt sie auch.

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