Hier beginnt ein Zyklus über Geschichten der alten, vorchristlichen Göttinnen. Ich erzähle sie Ihnen auf moderne Art und Weise, als ob diese Geschichten gerade eben geschehen, ohne aber den Gehalt, die Symbolik und Bedeutung der Gottheiten zu verlassen. Das Wissen, die Weisheit der Göttinnen ist uralt und gleichzeitig sehr modern. Es ist allgemeingültig. Die alten Gottheiten waren ambivalent, widersprachen sich, schenkten Leben und nahmen es wieder. Sie stritten und sie liebten sich, bekämpften und vertrugen sich, waren sanft und hart, schön und schrecklich. Kurz gesagt: sie waren sehr menschlich.
Ich schreibe die Geschichten, als ob sie gerade geschehen sind, und dies hat einen Grund. Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich darin finden können, sich entdecken können. Wenn Sie sich dann darin finden, vielleicht auch im Schmerz und im Kampf, dann möchte ich Sie einladen, sich anzuschauen, welchen Ausweg, welche Lösung die Göttinnen finden. Darin können Sie dann entdecken, liebe Leserinnen, aber auch liebe Leser, wie Sie selbst mit Erfahrungen umgehen können und Heilung geschehen kann.

Persephone
oder: Wie verwandelt sich ein Mädchen in eine Frau?
Kore, bildhübsche, ziemlich verwöhnte Tochter der allein erziehenden, beruflich sehr engagierten und erfolgreichen Demeter, kam mehr und mehr in die Pubertät. Die Schwierigkeiten und Dominanzkämpfe zwischen Mutter und Tochter wuchsen von Tag zu Tag. Demeter hatte durch ihren guten Job im Olymp wenig Zeit für Kore. Sie war zuständig für das Wachsen der Jahreszeiten, den ewigen Zyklus von Werden und Vergehen bei den Menschen auf der Erde. Das blühende Frühjahr, den Früchte bringenden Sommer, den Herbst der Ernte und das Sterben und Ruhen des Winters, in dem zu Jule, Weihnachten, der Same für das neue Frühjahr geboren wird. Demeters Job erfüllte sie zutiefst, dennoch plagte sie ab und an die Frage, ob sie für Kore wohl genügend Zeit hätte, denn sie liebte ihre Tochter über alles und behütete sie wie ihren Augapfel. Kore indes war dies zunehmend egal, sie hatte ihren eigenen Kopf, mit dem sie schon mal durch die Wand ging.
Es gab für Kore nicht viele Verbote. Abgesehen von der Tatsache, dass sie immer noch um 23.00 Uhr zuhause sein musste und dann das leidige Thema der Schulaufgaben. Darüber hinaus existierte nur ein einziges, wirkliches Verbot, welches Demeter ihrer Tochter einschärfte.
Es gab eine Wiese, in einer Senke unweit des mütterlichen Hauses, welche voller wunderschöner, gelber Narzissen stand. Demeter verbot ihrer Tochter, auch nur in die Nähe der Narzissen zu gehen. Ich glaube, es wäre sinnvoller gewesen, Kore nichts zu sagen, und sie hätte die Wiese nicht mal bemerkt. So aber, eine Heranwachsende voller Neugier, was meinen Sie, was sie tat?

Klar, dass dieser Platz auf Kore wie ein Magnet wirkte, jetzt, nachdem er verboten war. Eines Tages also, nach der Schule, Demeter war unterwegs, näherte sie sich der Wiese. Sie betrachtete die Blumen und begann, die erste zu pflücken. Kaum geschah dies, begann die Erde unter ihr zu wanken, ein tiefes Grollen erhob sich und auf einmal spaltete sich die Erde zu einem tiefen Schlund. Heraus kam ein nachtblauer, glänzender Porsche. Die Flügeltür sprang auf und Pluto-Hades - der Herr der Unterwelt höchst persönlich erschien am Steuer, mit einer Zigarette im Mundwinkel. Gut sah er aus! Schwarze Haare, makelloses Armani-Outfit vielleicht ein wenig ZU glatt und gut aussehend. Erinnerte irgendwie an einen dieser hinreißenden Schauspieler na, jetzt hab ich doch glatt seinen Namen vergessen. „Hi!“ war alles, was er sagte. Kore konnte gerade noch die Kinnlade heben, die ihr zuvor hinuntergefallen war. Zickig drehte sie sich hoch erhobenen Hauptes um, mit einem verächtlichen „Pfff!“ und trat den Weg nach Hause an. Aber da hatte sie die Rechnung ohne Hades gemacht. Er fuhr hinter ihr her, bremste neben ihr, packte sie und ob sie wollte oder nicht zog sie zu sich in den Porsche und rauschte ab mit ihr in die Tiefe zurück dahin, woher er gekommen war. Der Schlund schloss sich und alles, was an das soeben Geschehene erinnerte, war die unheimliche Totenstille und eine kaum wahrnehmbare Wolke, die durchdringend nach Schwefel roch.
Demeter kam spät nach Hause und ahnte sofort, dass etwas nicht stimmte. Kore’s alte Turnschuhe fehlten. Sie ging normalerweise nie weit weg vom Haus, ohne sich zu schminken, einzuparfümieren und den Minirock mit den neuen Cowboystiefeln angezogen zu haben selbst, wenn sie kurz Butter kaufen ging. Sie kannte ihre Tochter da war etwas Schlimmes geschehen. Umgehend rief sie Hermes an, den geflügelten Götterboten und fragte ihn vollkommen aufgelöst, ob er etwas wüsste --- er wusste nichts. Demeter wusste selbst sehr genau, was passiert war. Nun war es zu spät. Hades hatte ihre Tochter geraubt.
Sie brach zusammen. In ihrem Leid verbrachte sie die Nacht weinend, denn sie wusste, hier war sie machtlos und keine Kraft der Welt, nicht mal die Götter konnten ihr Kore zurückgeben. In ihrem Schmerz vergaß sie ihre Pflichten. Ihr Leid wurde nicht besser, sie fing über die Wochen an, sich zu vernachlässigen, raufte sich die Haare, kümmerte sich um gar nichts mehr und ertrank langsam in ihrem Schmerz. Sie weigerte sich, ihrer Arbeit nachzukommen und so gab es auf der Erde eine große Dürre, die Natur begann zu sterben, Menschen und Tiere litten Not und drohten zu verhungern und zu verdursten. Aber Demeter machte keine Anstalten, aufzuwachen.
Auf der Fahrt in die Hölle sträubte und wehrte sich Kore nach Leibeskräften, schlug auf Hades ein, dass er fast gegen die Wände raste, bis Hades’ Magie sie einschlafen ließ. In einer anderen Welt wachte sie wieder auf. Sie lag auf einem großen Bett inmitten eines Zimmers, welches wie ein orientalisches Serail eingerichtet war. Mit Teppichen, Gobelins an den Wänden, Paravents, glänzenden Stoffen und Kissen in wunderbaren, satten und dunklen Farben überall. Der ganze Raum war mit wohl hunderten von Kerzen erleuchtet, welche die Räucherschalen und Gefäße glitzern ließ, aus denen wohlriechende Düfte emporstiegen. Über einem Stuhl gelegt fand Kore ein bezauberndes, nachtblaues Gewand. Enge Hosen, ein ausgeschnittenes Oberteil mit hohem Kragen aus Satin, darüber ein traumhaft schöner, bodenlanger Samtmantel, der von der Hüfte abwärts weiter wurde, ebenso wie die Ärmel. Sie zog es an und besah sich im Spiegel eine Königin sah ihr entgegen! Eine Königin der Nacht! ---
„Schick“ dachte sie, „den Fummel werde ich mitnehmen. Aber jetzt nichts wie raus hier!“ und öffnete die schwere Holztür. Sie schlich durch die Gänge etwas unbequem, die hohen Hacken und gelangte an der Stirnseite an eine hohe Tür, die einen Spalt geöffnet war. Ein Lichtschein drang hinaus und sie öffnete die Tür. An einer langen Tafel in dem hohen Raum saß Hades. Der Tisch war reich gedeckt und mit Kerzen beleuchtet. Hades sagte nichts, sah sie nur an. Kore rauschte mit wehendem Mantel empört auf ihn zu, stemmte die Arme in die Hüften und wollte in einer Tirade ihre Beschwerde abgeben. Hades stand auf und half ihr, sich zu setzen. Irgendetwas stimmte nicht. Kore fühlte sich machtlos in seiner Gegenwart. Sie setzte sich ohne Widerrede und schwieg.
Vor sich sah sie Granatäpfel in einer Silberschale. Sie verspürte Hunger. Hades nahm eine Frucht, ritzte die Schale mit dem Fingernagel an und brach sie mit den Händen entzwei. Dabei lief ein Tropfen des roten, süßen Saftes über sein Handgelenk. Er reichte ihr eine Hälfte, sie teilte sie noch einmal und kostete die süßen, saftigen Kerne. Er aß die andere Hälfte, ohne seine Augen von Kore zu wenden.
Etwas geschah mit ihr. Sie spürte Wärme, einen durchdringenden Schauer in sich. Es war, als ob die Süße des Saftes der Frucht in jede ihrer Zellen drang und diese erhitzte, ja kochte. Hades hob sie von ihrem Stuhl empor. Sie sah in Hades’ schwarze Augen. Dort fand sie ihr eigenes Spiegelbild eine Königin der Nacht, im Schein von rot glimmendem Feuer. Er sagte zu ihr: „Du wirst niemals wieder dieselbe wie vorher sein. Dein Name ist Persephone die, die das Licht nimmt! Als meine Gattin wirst Du nun Königin der Unterwelt und Herrin über Leben und Tod!“ Er küsste sie sie spürte die Wahrheit seiner Worte in diesem Kuss und wusste, dass das Mädchen Kore nun starb.
Die Götter im Olymp machten sich Sorgen, weil Demeter nicht zu sich kam und die Erde schreckliche Not litt. Sie hatten von Kore’s Entführung erfahren. Zeus, Demeter’s Ex-Mann, befahl Hermes zu sich und schickte ihn zu seinem Bruder in die Unterwelt. Er als Götterbote war der Einzige unter Menschen und Göttern, der die Unterwelt betreten und wieder verlassen durfte. Er machte sich auf den Weg.
Als er den großen Saal in der Unterwelt betrat, saß Hades auf seinem Thron, in den ein großer Kopf mit Stierhörnern auf die hohe Rückenlehne und Löwenpranken auf die Armlehnen geschnitzt waren. Neben ihm aber saß Persephone in dunkel leuchtender Schönheit. Es geschah selten, dass es dem äußerst gewandten und geschickten Hermes die Sprache verschlug, aber hier war es soweit. Nachdem er sich kurz fassen musste, gelang es ihm, ein wenig stotternd sein Anliegen vorzutragen.
Nachdem Hermes geendet hatte, spürte Persephone den Schmerz ihrer Mutter deutlich in ihrem Herzen. Außerdem sah sie das Leid, den Hunger und die Not der Menschen auf der Erde. Hades wollte Hermes wieder unverrichteter Dinge fort schicken und nicht verhandeln. Aber Persephone entschied. Sie würde ab nun jedes Frühjahr auf die Erde kommen und bis zur Ernte bleiben. Dann würde sie zu ihrem Gatten zurückkehren und über den Herbst und Winter mit ihm in der Unterwelt herrschen. Bis zum nächsten Frühjahr. Hades sah seine Frau an und wusste, ihre Entscheidung war getroffen.
Hermes verneigte sich und brachte die Botschaft zu den Göttern im Olymp. Als Demeter erfuhr, dass ihre Tochter nicht verloren war und in der Vorfreude ihrer Wiederkehr, wenn auch nur für eine Zeit, begann sie, ihre Arbeit auf der Erde wieder aufzunehmen.
Es wurde März. Persephone legte ein anderes Gewand an. Es war aus feinsten, durchsichtigen hellen und farbigen Stoffen fein wie lichte Spinnweben in vielen Lagen übereinander. Sie küsste ihren Mann zum Abschied und begab sich auf den Weg zu den Menschen. Die Erde öffnete sich, wie zuvor bei Hades, ein Spalt entstand und Persephone trat hinaus und in die Welt. Die Erde war braun-grau, trocken, rissig und ohne Leben. Persephone setzte ihren Fuß auf die Erde und machte sich auf ihren Weg. An den Stellen, auf die sie trat, blühte, spross und grünte alles in tausend Farben. Wo sie ging, hinterließ sie eine Spur der Fruchtbarkeit. Die Bäume, die von Persephones Schleiern berührt wurden, schlugen aus und blühten über und über. Die Luft erwärmte sich und die Vögel waren die ersten, die es bemerkten. Sie begannen zu singen und die Geschichte von Persephone in die Welt zu tragen. Die Menschen sahen die fruchtbare Spur neuen Lebens und erwachten ebenso wie die Tiere aus ihrer Agonie.

So ist das Mädchen Kore durch ihre Transformation zu Persephone Herrscherin über Leben und Tod geworden. Sie wird in der griechischen Mythologie sowohl als Königin der Unterwelt, die über die Toten entscheidet, als auch als Göttin der Fruchtbarkeit beschrieben. Die beiden Gegensätzlichkeiten in ihr bedingen sich.
Durch diese Geschichte scheint eine uralte Weisheit die Weisheit des ewig währenden Zyklus’ von Werden und Sterben, der sich in dem Symbol von Kreis und Spirale wieder findet. Die Spirale lässt sich überall in der Natur beobachten: vom Inneren einer kleinen Muschel bis zu den riesigen Galaxien unseres Universums.
Wir vergessen diesen Kreislauf manchmal, wenn wir einem Tod, einem kleinen oder großen, nahe sind. Persephones Geschichte möchte Sie daran erinnern, dass der Tod nicht das Ende ist. Er ist Teil des Kreislaufes, aus dem wir - wie die Spirale - in einer höheren Ebene wieder aufwachen.
Wenn wir das Dunkle annehmen in Liebe werden wir neu geboren. Persephone hilft uns dabei und zeigt uns den Weg.

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