Sterben im Leben
die vier Phasen des Loslassens

Ich habe heute wieder eine welke Rose von meinem wunderschönen Rosenstock geschnitten. Ein wenig traurig war ich schon.... vor ein paar Wochen, im Mai, blühte er über und über und jeder bewunderte die rosafarben gefüllten Rosenblüten ob ihrer duftenden Pracht. Heute trägt er gerade noch zehn halb verwelkte, schon bräunliche Blüten, die wohl morgen oder übermorgen geschnitten werden müssen....


Ich habe diesen Rosenstock, weil meine Mutter genau denselben hatte. Sie hatte ihn schon, seit ich mich erinnern kann. Immer, wenn ich im Sommer auf Besuch kam, stand auf dem Tisch eine Glasschale, in der Rosenblüten schwammen. Meine Mutter starb letztes Jahr. Mit dem Rosenstrauch denke ich jeden Tag an sie und so lebt sie in mir ein Stück weit weiter.

Aber zurück zur Rose: ich werde sie im Herbst wieder beschneiden, zurück bis zu den holzigen Ästen. Ein wenig leid tut mir das, die grünen Äste so brutal zu kappen. Aber ich weiss ja: je besser ich sie schneide, desto stärker und dichter treibt sie nächstes Jahr aus.

So ist es in der Natur, auf unserer Welt mit allem, was existiert: es gibt kein Leben ohne Sterben. Wenn wir die Jahreszeiten betrachten, finden wir diesen Kreislauf. Das Rosenschneiden heute morgen hat es mir wieder bewusst gemacht.




Warum wehren wir uns also so sehr dagegen, los zu lassen? Warum leiden wir so enorm und umso tiefer, je lieber uns ein Mensch oder eine Sache ist? Besonders, wenn ein geliebter Mensch von uns geht, oder er uns "nur" verlässt, vielleicht sogar, weil ein anderer Mensch ihn mehr anzieht. Dieser Mensch existiert nicht mehr in unserer Welt. Das verletzt uns manchmal so sehr, dass es uns den Boden unter den Füssen weg zieht, wir die Fassung verlieren, wir nicht mehr ein noch aus wissen. Als ob vom prächtigen Rosenstrauch unserer Seele nicht nur eine Blüte, nein, alle Blüten und das Grüne dazu einfach abgeschnitten wurde.

Wozu soll das gut sein? fragen wir uns und finden keine Antwort. Will uns Gott oder die Göttin, das Schicksal oder wer auch immer strafen oder wieso geschieht das mir?

Nun, ich habe bei Weitem keine allgemein gültige Antwort auf diese Frage, denn sie ist es, die die Weisen der Welt seit Urzeiten beschäftigt. Warum gibt es Tod, das Böse, Unglück auf dieser Welt? Noch hat niemand eine umfassende Antwort darauf gefunden - so ich natürlich auch nicht. Man sagt, ohne Glück kann es kein Unglück geben, ohne Schatten kein Licht, ohne den Tod eben kein Leben usw.

Aber diese philosophische Antwort interessiert uns wenig, wenn wir tief im Unglück, im Verlust stecken. Dann klingt diese Antwort fast zynisch in unseren Ohren.





Es gibt, in unberechenbaren Zeiträumen und von Mensch zu Mensch verschieden, vier Phasen der Trauer:

1. Leugnungsphase

Dann, wenn es uns schlecht geht, wir einen "Tod sterben" müssen - oft mitten im Leben - möchten wir erst einmal alles nicht "wahr" haben, wir möchten aus diesem Alptraum aufwachen. Wir können es nicht glauben, nicht fassen. Es folgt die

2. Panikphase:

wir versuchen, gegen das Schicksal anzukämpfen, Dinge zu unternehmen, um den Schmerz nicht zu spüren. Dazu gehören z.B. sinnlose oder verzweifelte Anrufe bei der Liebsten, die doch schon mitteilte, dass sie einen anderen hat. Es folgen rationale Überredungsversuche, warum das und das doch so nicht stimme und nicht sein könne.... wir wissen es besser, aber in diesem Moment interessiert uns das gar nicht. Wir würden alles, aber auch alles tun, damit die Sache ungeschehen wird - aber alle Magie hilft uns nicht. Wir müssen irgendwann das Unvermeidliche akzeptieren. Wenn wir das tun, folgt die

3. Wut- und Schmerzphase:

Wir fallen in das berühmte "Loch". Der Verlust wird uns bewusst und gleichzeitig alle Wut, aller Schmerz, ja, sogar Hass darüber. Wir weinen alle Tränen der Welt, fühlen uns von Gott und der Welt verlassen, weil uns der Verlust unendlich schmerzt. Oft wechseln sich hier Wut und Schmerz und Hass ab wie in einer Achterbahn.

4. Warum?-und Akzeptanz-Phase:

Die Tränen sind ausgeweint, die Wut ist verraucht - wir halten nun inne und wollen verstehen. Wir gehen auf die Suche nach Antworten auf unsere Fragen. Diese Phase hebt uns - manchmal nach ein paar Schleifen zurück - dann zum Ende des Tunnels und wir können langsam los lassen.

Alle 4 Phasen sind beweglich, d.h., es ist sehr wohl möglich, dass wir Schleifen erleben von 1. zu 2. und dann wieder zurück zu 1. und je grösser der Verlust ist, desto länger dauert alles. Ich persönlich glaube an das altbewährte "Trauerjahr" für einen grossen Verlust. Menschen brauchen verschieden lange, um zu trauern und in sich neues Leben zu spüren. Es tut vielen Menschen unendlich gut, besonders in der 3. und 4. Phase über alles zu reden, das Herz auszuschütten und nach Antworten zu suchen. Aber wir sollten auch respektieren, wenn mal jemand gar nicht darüber reden mag, sondern es lieber mit sich selbst austrägt.

Es ist der Kreislauf der Natur, dem wir alle nicht ausweichen können. Nur eines ist sicher: es gibt immer ein Ende des Tunnels, wenn wir das Leben bejahen.

Zurück zu meinem Rosenstock. Heute, während ich die alten Rosen schnitt, entdeckte ich erstmals winzig kleine, noch halb versteckte Knöspchen, die hier und da spriessen, kaum zu sehen.... da ist es ja, das neue Leben! Es wird also nicht mehr lange dauern bis zur nächsten Pracht. All die neuen Knospen hätten keinen Platz, das Leben wäre nicht möglich, würden die alten Rosen nicht verblühen. Warum dies so ist, bleibt ein Geheimnis....

Wenn Sie selbst einen Verlust betrauern müssen und einen Weg hinaus suchen, begleite ich Sie gerne ein Stück weit, wie Sie es sich wünschen.

Herzlich
Katrin Sophia



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